Eindeutigkeit und Wahrheit

(…)

 

„Der Mittelalterforscher, der auf die eintausend Jahre von etwa 500 bis 1500 blickt, kann zu dieser Diskussion manches beitragen. Er kann zeigen, dass es in der europäischen Geschichte Epochen gab, die durch ein besonders starkes Eindeutigkeitsstreben gekennzeichnet sind. Ein geradezu programmatischer Satz in diesem Sinne wurde von Papst Gregor VII. (1073 – 1085) formuliert. Dieser beanspruchte als Stellvertreter (vicarius) Christi für seine Entscheidungen absolute Eindeutigkeit, denn Christus habe nicht gesagt, „ich bin die Gewohnheit“, sondern „ich bin die Wahrheit“. Mit diesem Satz brachte er sein Programm der Neuausrichtung der westchristlichen Welt auf den Punkt, und dieses lautete: Die gesamte christliche Welt wird mit verbindlichen Wertenormen beliefert, welche die Wahrheit bedeuten. Im Gegensatz dazu stand die Gewohnheit, die das
mittelalterliche Leben zwar in hohem Maße bestimmte, aber für Gregor VII. als diffus und unpräzise galt. Vor allem musste sie immer wieder neu bestimmt werden. Wahrheit dagegen erschien ihm als eindeutig und dauerhaft. Heute würde man sagen: nachhaltig.

 

Aber was ist die Wahrheit und wie kann sie bestimmt werden? Damit hat sich zum ersten Mal der Theologe und Gelehrte Anselm von Canterbury beschäftigt. Zwischen 1082 und 1085 verfasste er sein Lehrbuch „Über die Wahrheit“ (De veritate). „Ich kann mich nicht erinnern, bislang (bei meinen Studien) eine Definition der Wahrheit gefunden zu haben“, mit diesen Worten beginnt er sein Werk. „Aber“, so spricht er zu seinem Schüler, „wenn du Verlangen danach hast, dann wollen wir durch die verschiedenen Gegenstände, von denen wir sagen, dass in ihnen Wahrheit ist, untersuchen, was die Wahrheit sei“.[1]

 

Anselm von Canterbury will die Wahrheit definieren. Er spricht von definitio und definire. Diese Begriffe bedeuten: gegenüber anderen Dingen abgrenzen und exakt bestimmen. Die Definition der Wahrheit stellt sich freilich als ein schwieriges und komplexes Unterfangen heraus, bei dem allein der Verstand den Weg zum Ziel aufzeigen kann: sola mente, so versichert der Lehrer, allein durch den menschlichen Geist könne man die Wahrheit erkennen. Die Wahrheit sei nämlich die allein mit dem Geist erfassbare Rechtheit.[2] Rechtheit wiederum verlange die Übereinstimmung mit dem Guten und mit der Gerechtigkeit.[3] Auf diese Weise würden sich Wahrheit und Rechtheit und Gerechtigkeit gegenseitig definieren: invicem sese definiunt veritas et rectitudo et iustitia. Wer die eine kenne, werde dadurch auch zum Wissen der anderen gelangen, denn es gebe keine Gerechtigkeit, die nicht Rechtheit sei.[4] Auch wenn es unzählige Gegenstände und Umstände gebe, in denen jeweils eine eigene Wahrheit zu sein scheint, gebe es letztlich doch
nur eine einzige Wahrheit: Una igitur est in illis omnibus veritas.[5]

 

Die Folgen dieser Vorgänge und Reflexionen waren ebenso vielfältig wie umwälzend für die gesamte Kultur im westlichen Europa. Mit der Forderung nach Eindeutigkeit der Normen, der Regeln und der Ordnungsvorgaben begann sich nicht nur der Entscheidungsprimat des universalen Papsttums zu etablieren, sondern es kam auch ein wissenschaftlicher Klärungsprozess im Hinblick auf die Vielfalt der Rechtsüberlieferung in Gang. Das kanonische Recht wurde in sich „stimmig“ – und das heißt wiederum: möglichst „eindeutig“ und kohärent – gemacht und im Decretum Gratiani 1140 erstmals mit dieser Zielsetzung zusammengefasst. Doch es ging um noch mehr: Um die Wahrheit zu erkennen, wurde die dialektische Methode in virtuoser Weise zur Anwendung gebracht. Damit war die Basis für die Herausbildung einer wissenschaftlichen Methode und die Entstehung der Universitäten im 12. Jahrhundert gelegt. Keine andere Kultur hat Universitäten hervorgebracht, vielmehr war es das Streben nach Eindeutigkeit und Wahrheit im späten 11. und im 12. Jahrhundert, das die Gemeinschaft der Magister und Scholaren schuf. Die Prinzipien unserer Wissenschaften bis in die moderne Zeit hinein gehen auf diese Vorgänge im Mittelalter zurück.“

 

(…)

… weiterlesen: Der Verlust der Eindeutigkeit

 

in Arbeit ist zurzeit ein Buch über „Eindeutigkeit – Wissenstransfer und Bildungsoffensive im Reich karls des Großen“, das 2014 im Piper-Verlag München erscheinen soll. ( Anm.: Das Buch ist erhältlich unter dem Titel „Karl der Grosse“ Piper-Verlag ISBN 978-3-492-96384-8 – hier eine Eigenrezension „Das Streben nach Eindeutigkeit als Leitmotiv eines ungewöhnlichen Herrschers“ )

 

von Stefan Weinfurter
(Auszug aus dem Jahresbericht „Marsilius-Kolleg 2011/2012“ Universität Heidelberg – Zukunft seit 1386) Marsilius Kolleg 264 [6]

_________________________

Quellenverzeichnis:

[1] Anselm von Canterbury: De veritate, cap. 1.
[2] ebd., cap. 11: veritas est rectitudo mente sola perceptibilis.
[3] ebd., cap. 12.
[4] ebd., cap. 12.
[5] ebd., cap. 13.„eindeutigkeit“ als Quelle für innovation im Mittelalter stefan Weinfurter
[6] Dieser Artikel ist als PDF zuerst
erschienen auf (Downloadlink) http://www.marsilius-kolleg.uni-heidelberg.de/md/einrichtungen/mk/publikationen/mk_jb_22_eindeutigkeit.pdf

 

(c) Stefan Weinfurter

 

ph/ca

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.