Eindeutigkeit“ des Denkens, Sprechens und Schreibens

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Einen vergleichbaren „Vereindeutigungsschub“ gab es in Europa schon einmal, und zwar etwa 300 Jahre früher, in der Zeit Karls des Großen (768 – 814). In seiner Zeit wurde im Karolingerreich ein überaus ambitioniertes Programm durchgesetzt: die Generierung von Eindeutigkeit in Sprache, Text und Schrift. Dahinter standen Fragen wie: Was bedeutet ein Wort?Was bedeutet ein Schriftzeichen? Was wird durch ein bestimmtes rituelles Verhalten bewirkt? Auch die Frage: Darf Mehrdeutigkeit überhaupt Grundlage gesellschaftlicher Ordnung sein? Planmäßig wurden infolgedessen die Bildungszentren des karolingischen Reichs gefördert, nämlich die Domschulen und Klöster (wozu auch das Kloster Lorsch an der Bergstraße zählte).

 

In allgemeinen Verlautbarungen erklärte Karl der Große selbst die Dimension seines Vorhabens: Die christliche Lebensordnung verlange genaue Kenntnis der heiligen Schriften und erfordere ebenso die präzise Anwendung der Gebote und Normen. Voraussetzung dafür sei es, dass die Menschen überhaupt mit Worten und Sprache umgehen könnten. In der „Verordnung über die Pflege der Wissenschaften“ (Epistola de litteris colendis) von ca. 787 heißt es dementsprechend: „Geschrieben ist nämlich: „entweder wirst du durch deine Worte gerecht oder durch deine Worte verdammt“. „Obwohl es nämlich besser ist, Gutes zu tun als zu wissen, muss man dennoch vorher wissen (was gut ist), bevor man es tut.“ Und in einer weiteren „Allgemeinen Verordnung“ etwa aus derselben Zeit (Epistola generalis) heißt es:„Deshalb, weil es zu unserer Sorgepflicht gehört, dass der Zustand unserer Kirchen stets zum Besseren voranschreitet, trachten wir danach, die durch die Trägheit unserer Vorfahren beinahe in Vergessenheit geratene Schule (officina) mit eifrigem Studium der schriften wiederherzustellen; und zu den gründlich zu erforschenden Studien der freien Künste laden wir durch unser eigenes Vorbild all die, die wir erreichen können, ein. Neben anderem haben wir bereits sämtliche Bücher des Alten und des neuen Testaments, die durch die Unkenntnis der Schreiber verderbt waren, mit Hilfe Gottes in jeder Hinsicht exakt nach der Richtschnur (examussim) korrigiert.“

 

Als Oberbegriff für das Anliegen wurde die Formel „norma rectitudinis“ verwendet. Die „Richtigkeit“ oder „Rechtheit“, also die Summe der guten und richtigen Werte sowie des guten und richtigen Verhaltens, sollte mit einer „Norm“ versehen werden, einer klaren Richtschnur. Man könnte daher „norma rectitudinis“ übersetzen mit „Eindeutigkeit der Rechtheit“. Damit war ein Bildungsprogramm größten Ausmaßes in Gang gesetzt worden. Die berühmtesten Gelehrten aus ganz Westeuropa wurden zu diesem Zweck an den Hof Karls geholt.

 

Die begriffliche Korrektheit übte man an klassischen Texten ein, die zu diesem Zweck abgeschrieben wurden. Etwa 90 Prozent aller antiken Texte sind uns nur deshalb überliefert, weil sie in dieser Zeit zu tausenden abgeschrieben wurden, und zwar nicht mehr auf brüchigem Papyrus, sondern auf dauerhaftem – sozusagen nachhaltigem – Pergament. Dann emendierte man verderbte Texte (emendatio), um auf diese Weise höchstmögliche Verbindlichkeit zu erreichen. Schließlich entwickelte man eine eindeutige Schrift, die karolingische Minuskel, bei der es so gut wie keine Buchstaben- und Wortligaturen mehr gab, bei der jeder Buchstabe durch Ober- oder unterlänge oder Mittelposition „eindeutig“ war und mit der man damit begann, die Wörter nicht mehr einfach aneinander zu schreiben, sondern zu trennen: so entstand die sogenannte „lateinische Schrift“, die eigentlich „karolingische Schrift“ heißen müsste und die so effizient war, dass wir sie heute noch verwenden. Aber auch die Gesetze, die Karl der Große erließ (meist in Form von „Kapitularien“) und die geradezu in eine sakrale Aura gestellt wurden (wie die Lex Salica), strebten Einheitlichkeit und Eindeutigkeit an – Grundlagen für die Stabilität der politischen Ordnung und die Autorität des Herrschers.

… weiterlesen: Der Verlust der Eindeutigkeit

… weiterlesen: Eindeutigkeit und Wahrheit

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von Stefan Weinfurter
(Auszug aus dem Jahresbericht „Marsilius-Kolleg 2011/2012“ Universität Heidelberg – Zukunft seit 1386) Marsilius Kolleg 264 [1]

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Quellenverzeichnis:
[1] Dieser Artikel ist als PDF zuerst
erschienen auf (Downloadlink) http://www.marsilius-kolleg.uni-heidelberg.de/md/einrichtungen/mk/publikationen/mk_jb_22_eindeutigkeit.pdf

 

in Arbeit ist zurzeit ein Buch über „Eindeutigkeit – Wissenstransfer und Bildungsoffensive im Reich karls des Großen“, das 2014 im Piper-Verlag München erscheinen soll. ( Anm.: Das Buch ist erhältlich unter dem Titel „Karl der Grosse“ Piper-Verlag ISBN 978-3-492-96384-8 – hier eine Eigenrezension „Das Streben nach Eindeutigkeit als Leitmotiv eines ungewöhnlichen Herrschers“ )

 

(c) Stefan Weinfurter

 

ph/ca

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